Editorial

Wer hat schon einmal etwas von einem Donnerhäuschen gehört? Und wem ist die Funktion eines Astrolabiums bekannt? Wenn man sich nicht zufällig mit der Geschichte der Naturwissenschaften beschäftigt oder eine Affinität zu historischen Wissenschaftsobjekten hat, sind diese Namen wahrscheinlich neu. Ähnlich erging es auch uns am Lehrstuhl für die Geschichte der Frühen Neuzeit, als wir im Sommer 2018 eher zufällig auf die Existenz des Physikalischen Kabinetts der Kölner Jesuiten stießen, dessen Erforschung uns im Anschluss in verschiedenen Kontexten beschäftigt hat. Bei den eingangs genannten Instrumenten handelt es sich um ein Modellhaus für elektrische Versuche von vor 1800 und zum anderen um ein astronomisches Messgerät des 16. Jahrhunderts: Beide Objekte sind Teil einer großen naturwissenschaftlichen Sammlung, die von den Kölner Jesuiten bereits Ende des 17. Jahrhunderts in ihrem Kolleg angelegt worden ist. Der lokale Jesuitenorden leitete das Gymnasium Tricoronatum, das zur Philosophischen Fakultät der alten Kölner Universität gehörte. Die Instrumente wurden im naturwissenschaftlichen Unterricht als Lehr- und Anschauungsmaterialien benutzt und waren demnach auch ein materieller Bestandteil der propädeutischen Lehre in Köln. Das Physikalische Kabinett ist jedoch nur eine der Spezialsammlungen des Kollegs: Die Kölner Jesuiten haben im Laufe der Zeit tatsächlich eine umfangreiche Lehrsammlung angelegt, die neben den naturwissenschaftlichen Instrumenten auch mineralogische Objekte, Sammlungsgut bildender Kunst – Graphiken, Zeichnungen, Porträts – und eine große Büchersammlung beinhaltete. Nach der Auflösung des Jesuitenordens im Jahr 1773 gingen diese Sammlungen zunächst an die Stadt über, ehe die Franzosen 1794 die Stadt einnahmen. Nach der Aufhebung der alten Kölner Universität und der dazugehörigen Gymnasien im Jahr 1798 setzte die französische Regierung im Jahr 1800 eine Kommission für die institutionelle Verwaltung des Schulvermögens und der zahlreichen verbliebenen Bildungsstiftungen ein. Dieser Akt beschreibt die Gründung des heutigen Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds (KGS). Damit kamen die umfangreichen historischen Kulturgüter aus jesuitischer Provenienz, wozu auch das Physikalische Kabinett gehörte, in seine Obhut.

In den letzten zwei Jahrhunderten durchlief das Physikalische Kabinett eine ereignisreiche Geschichte, die sowohl von den verschiedenen Herrschaftsverhältnissen in Köln als auch von der Entwicklung der Naturwissenschaften beeinflusst wurde. Denn die Instrumente wechselten mehrmals die schulischen Institutionen, bevor sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Funktion änderte und sie als Kulturobjekte wahrgenommen und in den musealen Kontext überführt wurden. Seit 1938 befindet sich das Physikalische Kabinett als Dauerleihgabe des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds eigentlich im Kölnischen Stadtmuseum: Im Gefolge eines größeren Wasserschadens im Jahr 2017 mussten die naturwissenschaftlichen Exponate jedoch im Depot eingelagert werden. Unter diesen Prämissen verstehen wir unsere Online-Präsentation vor allem auch als eine Chance, über das digitale Medium einen breiteren Zugang zur Geschichte von Kulturgütern zu schaffen, die als Originale auf unabsehbare Zeit nicht ausgestellt werden können. Die Objekte können im digitalen Raum neben der Aufarbeitung der Geschichte der Sammlung im Kontext der Gesamtsammlung verortet und vermittelt werden. 

Seit August 2018 förderte der Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds (KGS) die Erforschung und digitale Sichtbarmachung des Physikalischen Kabinetts der Kölner Jesuiten im Rahmen einer umfangreicheren Initiative zur Erforschung des kulturellen Erbes der Kölner Jesuiten. Das am Lehrstuhl angesiedelte Vorhaben war Teil eines Gesamtprojekts zur Untersuchung und digitalen Erfassung der historischen Kulturbestände aus jesuitischer Provenienz, das von weiteren beteiligten Kölner Institutionen (Wallraf-Richartz-Museum, Universitäts- und Stadtbibliothek Köln) jeweils unabhängig umgesetzt wurde.

Die vorliegende Publikation zum Physikalischen Kabinett präsentiert die Ergebnisse von 15 Monaten intensiver Sammlungsforschung. So vermitteln die sieben digitalisierten Inventare zum Beispiel wichtige Einblicke in die unterschiedlichen Phasen der Sammlungsentwicklung. Den inhaltlichen Rahmen bilden zwölf thematische Beiträge, die in die drei zeitlichen Kategorien Genese, Blütezeit und Musealisierung aufgeteilt und jeweils von passenden Objekten und Inventaren ergänzt werden. 

Darüber hinaus sind die Ergebnisse unserer Sammlungsforschung in die Datenbank „Kulturelles Erbe Köln“ eingeflossen. Dank der Kooperation mit dem Rheinischen Bildarchiv Köln (RBA) war es möglich, die Daten der rund 110 Objekte des Physikalischen Kabinetts in der Datenbank zu homogenisieren, anzureichern und besser auffindbar zu machen. Seit dieser Überarbeitung präsentiert sich das Physikalische Kabinett der Kölner Jesuiten in der Datenbank „Kulturelles Erbe Köln“ als genuine Sammlung, die direkt über eine eigene Startseite gefunden und aufgerufen werden kann. An dieser Stelle sei Frau Dr. Johanna Gummlich vom RBA und Herrn Tobias Nagel von der Stadt Köln für die technische und administrative Unterstützung herzlich gedankt.

Dieses Publikationsprojekt wäre ohne die professionelle, sorgfältige und kreative Arbeit aller Projektbeteiligten nicht möglich gewesen. Zu nennen ist an dieser Stelle Christine Schmitt, unter deren Leitung die Konzeption der Publikation, das Projektmanagement und die flankierende Kommunikation erfolgten und die auch die inhaltlichen Schritte stets reflektierend und datenkuratorisch begleitet hat. Daneben haben Elisabeth Schläwe und Henrike Stein mit jeweils eigenen Schwerpunkten in Bezug auf die Quellen und die Objekte die Publikation maßgeblich gestaltet. Kim Opgenoorth und Vanessa Skowronek haben die technische Umsetzung und Realisierung auf der Publikationsplattform MAP-Lab durchgeführt. Den inhaltlichen Kern der Publikation, die Geschichte des Physikalischen Kabinetts, setzten Henrike Stein, Vanessa Skowronek und Sebastian Schlinkheider in zwölf detailreiche und interessante Beiträge um, die nicht nur die Funktion und Bedeutung der naturwissenschaftlichen Lehrsammlung aufzeigen, sondern auch die Kölner Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte erweitern. Ergänzt durch die Objekte in der Datenbank zum kulturellen Erbe Kölns, wird mit diesem Beitrag ein Teil der Sammlungen der ehemaligen Kölner Jesuiten digital zugänglich und in ihrem historischen Kontext verständlich. Zwischenzeitlich hat Henrike Stein auch ihre Dissertation mit dem Titel Lehre – Sammlung – Objekt. Das Mathematisch-Physikalische Kabinett des ehemaligen Jesuitenkollegs in Köln publiziert und damit den Forschungsstand maßgeblich erweitert.

Prof. Dr. Gudrun Gersmann

Lehrstuhl für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität zu Köln

Gefördert durch:

Empfohlene Zitierweise für die Gesamtpublikation:
Gersmann, Gudrun (Hrsg.), Das Physikalische Kabinett – Von der jesuitischen Lehrsammlung zum kulturellen Erbe, DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00004, Publikationsumgebung mapublishing (2019), URL: hier URL einfügen (zuletzt abgerufen am: Abrufdatum einfügen).