Tobias Kohen (1652-1729): Der erste jüdische Student in Deutschland
Studieren in Frankfurt an der Oder
Carsten Schliwski
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Tobias Kohen hatte nach seiner eigenen Beschreibung den Wunsch, in Padua seine medizinische Ausbildung zu absolvieren, also an der renommiertesten Hochschule überhaupt.
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Die Studiengenehmigung verbunden mit der Bewilligung eines Stipendiums wurde vom brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620-1688) in einer Kabinettsorder vom 29. April 1678 erteilt.
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Die Verpflichtung, wenn gewünscht, Hebräisch-Unterricht zu erteilen, konnte der theologischen Fakultät entgegenkommen, die sich zu diesem Zeitpunkt stark mit hebräischer Philologie beschäftigte, einerseits, um den hebräischen Text des Alten Testaments besser zu verstehen, was aus dem protestantischen Bedürfnis einer Rückkehr zu den Quellen resultierte, zum anderen aber auch, um die Schriften der jüdischen Gemeinden von seiten der Fakultät zu kontrollieren und auch zu zensieren.
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Im Gegenzug sollten die beiden Juden den anderen Studenten völlig gleichgestellt sein und keine Nachteile im Verlaufe des Studiums erfahren. Von Seiten der Hochschule wurden allerdings in einem Schreiben vom 10. Juni 1678 dahingehend Bedenken geäußert, dass Juden weniger standhafte Christen oder solche, die selber zum Christentum übergetreten waren, zur Abkehr vom christlichen Glauben motivieren könnten.
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Der Kurfürst brachte durchaus Verständnis für die Bedenken der Universität auf, wollte aber trotzdem seinen Willen durchsetzen.
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"In Wahrheit taten uns die gelehrten Herren der Universität große Ehre an. Tagtäglich disputierten sie mit uns in Glaubenssachen mit Scharfsinn und großer Ausführlichkeit nach ihrer Gepflogenheit. Manchmal beschämten sie uns, indem sie sagten: 'Wo ist denn eure Weisheit? Eure Einsicht ist längst von euch genommen und uns gegeben, denn keiner unter euch weiß, wie lange noch. Unter euch ist keine Kenntnis der Wissenschaft. Hieran könnt ihr deutlich erkennen, dass Gott nicht in eurer Mitte weilt, darum ist eure Weisheit zugrunde gegangen und versunken.' Hiermit kränkten sie uns Tag für Tag. Wir wurden mehr an Schmähungen als an Ehre satt. Wäre nicht die Gnade Gottes und seine Hilfe, so hätten wir das Haupt nicht erheben und ihnen antworten können, denn wir waren an derlei Disputationen nicht gewöhnt, wenn wir auch, Gott sei dank, der heiligen Schrift, des Talmud und des Midrasch kundig waren, dennoch – im Disputieren mit ihnen waren wir arm."
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Dass die beiden jüdischen Studenten Bekehrungsversuchen ausgesetzt waren, verwundert nicht, denn schließlich konnte sich noch kein modus vivendi etabliert haben, da man an der Universität keine Erfahrungen mit nichtchristlichen Studenten besaß. Dabei erwies sich die kurfürstliche Order, dass die jüdischen Studenten den christlichen gleichgestellt zu sein hatten, in der Praxis als nicht allzu wirkungsvoll, denn gerade der theologische Impetus von Studenten und Lehrenden musste zu den Versuchen führen, die Juden der christlichen Religion zuzuführen. Dieser Drang schien allerdings im Laufe der Zeit nachzulassen, da nachfolgende Studenten jüdischen Glaubens keine Bekehrungsversuche mehr erwähnten.
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Abgesehen von der kurfürstlichen Order der Gleichstellung mussten sie jedoch erkennen, dass ihre traditionelle Erziehung sie nicht auf die Art der Diskussionen und Debatten an der Universität vorbereitet hatte, sodass sie bei solchen Gelegenheiten des Öfteren unterlegen waren. Obwohl man in Frankfurt ein Vorreiter bei der Zulassung jüdischer Studenten war, gab es doch einen entscheidenden Nachteil: es war den jüdischen Studenten nicht möglich, dort zu promovieren.
Anmerkungen
Empfohlene Zitierweise:
Schliwski, Carsten, Studieren in Frankfurt an der Oder, Abschnitt Tobias Kohen (1652-1729) - Der erste jüdische Student in Deutschland, in: Berger, Andreas / Speer, Andreas (Hrsg.), Studentengeschichte zwischen Mittelalter und Neuzeit, DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00006, Publikationsumgebung mapublishing (2015), URL: hier URL einfügen (zuletzt abgerufen am: Abrufdatum einfügen).
