Wiener Studenten und Wiener Bürger im Spätmittelalter. Die Geschichte einer schwierigen Beziehung

Konflikte zwischen Bürgern und Universität

Andrea Bottanová

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Fragt man nach den Konflikten zwischen den Wiener Bürgern und den Universitätsmitgliedern im Spätmittelalter, so fanden diese in den städtischen Quellen kaum Niederschlag, möglicherweise ist die Überlieferung verloren gegangen – wir wissen es nicht. Allerdings hat es sehrwohl Konflikte gegeben, denn sie wurden in den Universitätsversammlungen erörtert, worüber Protokolle bis heute in den Wiener Rektoratsakten und teilweise auch in den Acta facultatis artium existieren. [1] Und auch wenn man bei deren Auswertung Vorsicht walten lassen sollte – schließlich handelt es sich nur um einseitige Beschreibungen der jeweiligen Situation – ist es doch hervorzuheben, dass sich die jeweiligen Rektoren und Dekane, die hier ihre Notizen und Beobachtungen niederschreiben ließen, durchaus der Fehler ihrer suppositi bewusst waren und diese auch zugegeben haben.

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In den ersten Jahren nach dem Albertinum tauchten zunächst kleinere Konflikte auf. Am 8. November 1385 brachten zum Beispiel die Universitätsmitglieder zur Anzeige, dass die Schankwirte in der Stadt nicht nur beim Weineinschenken an die scholares et magistri betrügen würden, sondern sogar versuchten, den Weinimport für die Universität zu sabotieren. Dahingehend wurde beschlossen, dass dem Landesfürsten eine Beschwerde gegen die Wiener Bürger vorgetragen werden sollte. [2] Die Wiener beschwerten sich ihrerseits immer wieder über singende, pfeifende, Unruhe stiftende und nachts randalierende Studenten. [3]

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Zu einem ersten größeren Konflikt kam es dann im Frühling 1387. Es gelangte eine Beschwerde vor die Universitätsversammlung, dass die Schustergesellen Studenten systematisch verfolgten, überfielen und verprügelten – wobei sie sich gleich nach der verübten Missetat in Werkstätten und Kellern versteckten – und die Studenten es nicht mehr wagten, Vorlesungen zu besuchen. Verkompliziert wurde die Angelegenheit, weil man bald die Ankunft des Herzogs Albrecht III. in der Stadt erwartete und man nicht wusste, ob alles rechtzeitig in den Griff zu bekommen sei. Um die Wogen zu glätten, kamen der Bürgermeister Michael Geukramer, der Stadtrichter Michael Fink und der Stadtrat zusammen – die Universität bat ihren Kanzler Berthold von Wehingen, den Bischof von Freising, um Rat. Bei den „Friedensverhandlungen“ mit Bürgermeister und Stadtrat versprachen die Handwerker schließlich, bis Pfingsten keine Scholaren mehr anzugreifen, um den feierlichen Einzug des Landesfürsten nicht zu gefährden. Am 17. April wurde allerdings von der Universitätsversammlung beschlossen, dass die ganze Angelegenheit durch den Rektor und die Vertreter der vier Fakultäten vor den Fürsten gebracht und verlangt werden sollte, die Missetäter gemäß den Privilegien der Universität zu bestrafen. Die Studenten sollten indes aufgefordert werden, weder gegen die Schuster noch gegen andere Laien bis zum festgelegten Termin vorzugehen. Ansonsten müssten sie von der Universität ausgeschlossen werden. [4] Die gewünschte Unterredung mit Albrecht hatte offenbar auch stattgefunden, denn am 27. Mai berichten die Rektoratsakten, dass dieser die ewige Eintracht zwischen den Universitätsmitgliedern und den Stadtbürgern befohlen habe. [5]

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Ab diesem so genannten „Schusterkrieg“ [6] wurden – falls Studenten in der Stadt etwas verbrochen hatten bzw. einem der Studenten etwas zu leide getan worden war und es um die Bestrafung der Schuldigen ging – der Richter und Rat der Stadt Wien von der Universität sofort auf die Einhaltung der Privilegien und Freiheiten der Universität hingewiesen. Dies dürfte unter anderem auch dazu beigetragen haben, dass einer der Universitätsrektoren beschloss,  Auszüge aus der deutschen Fassung des albertinischen Privilegs an den Anfang des zweiten Bandes der Rektoratsakten zu stellen. [7] Wahrscheinlich um sie möglichst bei der Hand zu haben, falls es zu Besprechungen mit Repräsentanten der Stadt kommen würde, bei denen man wohl nicht immer gute Lateinkenntnisse erwarten konnte.

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Eine mehr als abenteuerliche Amtszeit erlebte der berühmte Mathematiker und Astronom Johannes von Gmunden als Dekan der artistischen Fakultät am Anfang des 15. Jahrhunderts.[8]

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Damals wurde ein (in den Quellen leider namentlich nicht genannter) Scholar von einigen Bürgern und den Dienern des Stadtrichters Wolfgang Purkhartzperger sowie des Bürger- und Münzmeisters Rudolf Angerfelder gefangengenommen, woraufhin es zu einem großen Tumult zwischen Studenten und den städtischen Wachen kam. Die Universität ersuchte den Bürgermeister und die Bürger, den Gefangenen, der Kleriker war, dem zuständigen Richter – also dem Passauer Offizial – gemäß den Universitätsprivilegien zu präsentieren und wollte den Frieden zwischen Studenten und Bürgern wieder herstellen. Dagegen wollten die Bürger den Gefangenen selbst richten, worauf die Universität beim Herzog um Erhaltung ihrer Privilegien, oder zumindest um gnädige Erlaubnis zum Abzug ersuchte.

Der Herzog und sein Rat verlangten von der Universität entsprechende Statuten und Verordnungen für eine bessere Führung der Scholaren, um Ausschreitungen und Angriffe gegen Bürger und andere zu verhindern. Ähnliche Anordnungen sollten auch an die Bürger ergehen. Dies nutzte aber nicht viel, da der gefangene Student bald an den Folgen der Folter verstarb und die Bürger somit von den Vertretern der Universität für exkommuniziert angesehen wurden. Die Universitätsmitglieder lehnten es auch ab,  ihre Gottesdienste weiter in St. Stephan zu halten, und verlegten sie (zum Teil) in die Dominikanerkirche. Schließlich ließ der Herzog der Universität Anfang April 1414 verkünden, dass er den Bürgern Frieden mit der Universität und Beachtung der Universitätsprivilegien befohlen habe. Dem habe auch der Bürgermeister zugestimmt; daher solle auch der Rektor allen supposita den Frieden mit den Bürgern und anderen in der Stadt sowie das Ablassen von Ausschreitungen befehlen. [9]

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Aber auch dieser Friede war ein brüchiger und dauerte nicht lange. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Konflikten zwischen Studenten und den Wiener Bürgern, hauptsächlich den Handwerksgesellen. Der brutalste von allen war aber wohl einer, der sich bereits an der Schwelle zur Neuzeit ereignete und als Bellum Latinum bezeichnet wird. Dieser Konflikt erwuchs aus einem Tumult am Fronleichnamstag im Jahr 1513, bei dem sowohl ein Bürger als auch ein magister starben und etliche Menschen verletzt wurden. Die Ursache lag möglicherweise im Tragen des so genannten cingulum, einem Gürtel, welchen die Studenten verpflichtet waren zu tragen und für den sie von Weingärtnern verspottet wurden.  Anschließend breiteten sich Unruhen über die ganze Stadt aus. Die Studenten forderten die Abschaffung des cingulum, weigerten sich, ihre Waffen abzulegen und fühlten sich sowohl von der Stadt als auch von der Universitätsleitung ungerecht behandelt. Die Auseinandersetzungen eskalierten soweit, dass 700 Studenten zum Abzug aus der Stadt gezwungen wurden. In der Matrikel findet man zu dieser Zeit viele Exklusionsvermerke. [10]
 

Anmerkungen

[1] UAW, R1a, R1b, Acta Universitatis et Rectoratus I, II (1382-1422).

[2] UAW, R1a, Fol. 2v.

[3] Primus de pena scolaribus imponenda, qui de nocte cum fistulatore ambulaverunt et magnas insolvencias et clamores in civitate fecerunt, ut iudex civitatis retulit rectori universitatis et adiunxit, si rector non interciperet ipsemet vellet eos capere et punire. Ebd. 40r.

[4] Ebd., Fol. 7v.

[5] Ebd., Fol. 8r. Siehe auch Kurt Mühlberger, Universität und Stadt im 14. und 15. Jahrhundert am Beispiel Wiens. Wesentliche Grundlagen und ausgewählte Szenen einer „konfliktbeladenen Harmonie“, in: Die Universität Wien im Konzert europäischer Bildungszentren. 14.-16. Jahrhundert, ed. Kurt Mühlberger–Meta Niederkorn-Bruck (VIÖG 56, Wien 2010), S. 53-86, hier: S. 74.

[6] Ebd.

[7] UAW, R1b, Fol. 14r-18v.

[8] Paul Uiblein, Universität Wien im Mittelalter (Schriftenreihe des Universitätsarchivs 11, Universität Wien, Wien 1999), S. 360.

[9] Ebd. Siehe auch Uiblein, Acta facultatis artium, S. 411-420.

[10] Mühlberger, Universität und Stadt im 14. und 15. Jahrhundert, S. 76, 77.

Empfohlene Zitierweise:
Bottanová, Andrea, Konflikte zwischen Bürgern und Universität, Abschnitt Wiener Studenten und Wiener Bürger im Spätmittelalter. Die Geschichte einer schwierigen Beziehung, in: Berger, Andreas / Speer, Andreas (Hrsg.), Studentengeschichte zwischen Mittelalter und Neuzeit, DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00006, Publikationsumgebung mapublishing (2015), URL: hier URL einfügen (zuletzt abgerufen am: Abrufdatum einfügen).