Wiener Studenten und Wiener Bürger im Spätmittelalter. Die Geschichte einer schwierigen Beziehung
Konflikte zwischen Bürgern und Universität
Andrea Bottanová
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Fragt man nach den Konflikten zwischen den Wiener Bürgern und den Universitätsmitgliedern im Spätmittelalter, so fanden diese in den städtischen Quellen kaum Niederschlag, möglicherweise ist die Überlieferung verloren gegangen – wir wissen es nicht. Allerdings hat es sehrwohl Konflikte gegeben, denn sie wurden in den Universitätsversammlungen erörtert, worüber Protokolle bis heute in den Wiener Rektoratsakten und teilweise auch in den Acta facultatis artium existieren.
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In den ersten Jahren nach dem Albertinum tauchten zunächst kleinere Konflikte auf. Am 8. November 1385 brachten zum Beispiel die Universitätsmitglieder zur Anzeige, dass die Schankwirte in der Stadt nicht nur beim Weineinschenken an die scholares et magistri betrügen würden, sondern sogar versuchten, den Weinimport für die Universität zu sabotieren. Dahingehend wurde beschlossen, dass dem Landesfürsten eine Beschwerde gegen die Wiener Bürger vorgetragen werden sollte.
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Zu einem ersten größeren Konflikt kam es dann im Frühling 1387. Es gelangte eine Beschwerde vor die Universitätsversammlung, dass die Schustergesellen Studenten systematisch verfolgten, überfielen und verprügelten – wobei sie sich gleich nach der verübten Missetat in Werkstätten und Kellern versteckten – und die Studenten es nicht mehr wagten, Vorlesungen zu besuchen. Verkompliziert wurde die Angelegenheit, weil man bald die Ankunft des Herzogs Albrecht III. in der Stadt erwartete und man nicht wusste, ob alles rechtzeitig in den Griff zu bekommen sei. Um die Wogen zu glätten, kamen der Bürgermeister Michael Geukramer, der Stadtrichter Michael Fink und der Stadtrat zusammen – die Universität bat ihren Kanzler Berthold von Wehingen, den Bischof von Freising, um Rat. Bei den „Friedensverhandlungen“ mit Bürgermeister und Stadtrat versprachen die Handwerker schließlich, bis Pfingsten keine Scholaren mehr anzugreifen, um den feierlichen Einzug des Landesfürsten nicht zu gefährden. Am 17. April wurde allerdings von der Universitätsversammlung beschlossen, dass die ganze Angelegenheit durch den Rektor und die Vertreter der vier Fakultäten vor den Fürsten gebracht und verlangt werden sollte, die Missetäter gemäß den Privilegien der Universität zu bestrafen. Die Studenten sollten indes aufgefordert werden, weder gegen die Schuster noch gegen andere Laien bis zum festgelegten Termin vorzugehen. Ansonsten müssten sie von der Universität ausgeschlossen werden.
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Ab diesem so genannten „Schusterkrieg“
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Eine mehr als abenteuerliche Amtszeit erlebte der berühmte Mathematiker und Astronom Johannes von Gmunden als Dekan der artistischen Fakultät am Anfang des 15. Jahrhunderts.
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Damals wurde ein (in den Quellen leider namentlich nicht genannter) Scholar von einigen Bürgern und den Dienern des Stadtrichters Wolfgang Purkhartzperger sowie des Bürger- und Münzmeisters Rudolf Angerfelder gefangengenommen, woraufhin es zu einem großen Tumult zwischen Studenten und den städtischen Wachen kam. Die Universität ersuchte den Bürgermeister und die Bürger, den Gefangenen, der Kleriker war, dem zuständigen Richter – also dem Passauer Offizial – gemäß den Universitätsprivilegien zu präsentieren und wollte den Frieden zwischen Studenten und Bürgern wieder herstellen. Dagegen wollten die Bürger den Gefangenen selbst richten, worauf die Universität beim Herzog um Erhaltung ihrer Privilegien, oder zumindest um gnädige Erlaubnis zum Abzug ersuchte.
Der Herzog und sein Rat verlangten von der Universität entsprechende Statuten und Verordnungen für eine bessere Führung der Scholaren, um Ausschreitungen und Angriffe gegen Bürger und andere zu verhindern. Ähnliche Anordnungen sollten auch an die Bürger ergehen. Dies nutzte aber nicht viel, da der gefangene Student bald an den Folgen der Folter verstarb und die Bürger somit von den Vertretern der Universität für exkommuniziert angesehen wurden. Die Universitätsmitglieder lehnten es auch ab, ihre Gottesdienste weiter in St. Stephan zu halten, und verlegten sie (zum Teil) in die Dominikanerkirche. Schließlich ließ der Herzog der Universität Anfang April 1414 verkünden, dass er den Bürgern Frieden mit der Universität und Beachtung der Universitätsprivilegien befohlen habe. Dem habe auch der Bürgermeister zugestimmt; daher solle auch der Rektor allen supposita den Frieden mit den Bürgern und anderen in der Stadt sowie das Ablassen von Ausschreitungen befehlen.
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Aber auch dieser Friede war ein brüchiger und dauerte nicht lange. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Konflikten zwischen Studenten und den Wiener Bürgern, hauptsächlich den Handwerksgesellen. Der brutalste von allen war aber wohl einer, der sich bereits an der Schwelle zur Neuzeit ereignete und als Bellum Latinum bezeichnet wird. Dieser Konflikt erwuchs aus einem Tumult am Fronleichnamstag im Jahr 1513, bei dem sowohl ein Bürger als auch ein magister starben und etliche Menschen verletzt wurden. Die Ursache lag möglicherweise im Tragen des so genannten cingulum, einem Gürtel, welchen die Studenten verpflichtet waren zu tragen und für den sie von Weingärtnern verspottet wurden. Anschließend breiteten sich Unruhen über die ganze Stadt aus. Die Studenten forderten die Abschaffung des cingulum, weigerten sich, ihre Waffen abzulegen und fühlten sich sowohl von der Stadt als auch von der Universitätsleitung ungerecht behandelt. Die Auseinandersetzungen eskalierten soweit, dass 700 Studenten zum Abzug aus der Stadt gezwungen wurden. In der Matrikel findet man zu dieser Zeit viele Exklusionsvermerke.
Anmerkungen
Empfohlene Zitierweise:
Bottanová, Andrea, Konflikte zwischen Bürgern und Universität, Abschnitt Wiener Studenten und Wiener Bürger im Spätmittelalter. Die Geschichte einer schwierigen Beziehung, in: Berger, Andreas / Speer, Andreas (Hrsg.), Studentengeschichte zwischen Mittelalter und Neuzeit, DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00006, Publikationsumgebung mapublishing (2015), URL: hier URL einfügen (zuletzt abgerufen am: Abrufdatum einfügen).
